TOMORROW YOU WILL LEAVE

Ein Film von Martin Nguyen

„Als Filmemacher stellte ich die Fragen anders als Sohn.“

Martin Nguyen im Gespräch mit Claus Philipp 

Warum ein Film über deinen Vater? Im Film selber sieht man, dass du deine eigene Tochter ins Spiel bringst. So, als würdest du quasi für sie die Geschichte dieses Mannes erzählen. Es gibt also einen privaten Anlass, die Geschichte der eigenen Familie aufzuarbeiten, aber auf der anderen Seite die Frage: Warum erzählt man so etwas einem breiterem Publikum?

Das Leben meines Vaters und meiner Eltern war immer nach vorne gerichtet. Einen Job finden, sich ein Leben aufbauen, die Kinder versorgen – es gab nie die Zeit, zurückzublicken, woher man kommt und warum man jetzt da ist, wo man gerade ist. Seit über 30 Jahren lebt mein Vater jetzt in Österreich, und jetzt kam offenbar der Punkt, wo er sah: er hat sich um die wichtigen Sachen gekümmert, es geht nicht mehr um die materiellen Dinge, also kann er zurückblicken. Plötzlich sind diese Geschichten aufgekommen. Vorher hatte er nie über die Flucht geredet. Es lag wohl auch an der Geburt meiner Tochter, dass ich mich verstärkt interessiert habe für die Familiengeschichte und nachgefragt habe. Warum das für ein breiteres Publikum interessant ist? Ich denke, unsere Fragen bewegen viele Leute: Woher kommt man zu bestimmten Dingen im Leben? Was gibt man leichtfertig oder nicht leichtfertig auf? Ja, unsere Familiengeschichte ist etwas anders verlaufen als andere, aber in bestimmten Teilen kann sich wohl jeder damit identifizieren.

Wir hatten eine kurze Diskussion über mögliche Plakatsujets für den Film, und du hast da ein schönes Bild kreiert: „Mein Vater, in einer Umgebung, in der man auf den zweiten Blick das Gefühl hat, es stimmt etwas nicht zusammen.“ Wie würdest du die Arbeit und Lebensexistenz deines Vaters in diesem Dorf und auf diesem Bauernhof in Niederösterreich beschreiben? 

Er hatte das Glück, am Land die richtigen Lebens- und Kommunikations-proportionen zu finden. Dadurch, dass wir über Jahre hinweg die einzige Ausländerfamilie dort waren, waren wir keine Bedrohung. Wir Kinder sind ganz normal in die Volksschule gegangen, wir sind dort integriert gewesen, und mein Vater hat einen Arbeitsplatz gehabt. Die Leute haben wohl zuerst nicht gewusst, wie sie mit ihm umgehen sollten, also sind mit ihm umgegangen wie mit jedem anderen. Sie haben mit ihm im Dialekt geredet, so hat er sein Deutsch gelernt, das heißt, er hat jetzt so ein im Dialekt eingefärbtes Deutsch mit einem vietnamesischen Akzent. Ich glaube, das war ein Glück, unser Glück, das es die kleinen Verhältnisse keine Anonymität zuließen. Jeder kennt jeden. Man muss sich zwangsläufig kennen und verstehen lernen. Das erste negative Gefühl von Fremdheit beschlich mich erst, als ich ins Gymnasium gekommen bin, in die nächste größere Stadt, wo mehr Leute waren und ich plötzlich mit einer Ausländerfeindlichkeit konfrontiert war, die ich nicht kannte aus dem Dorf.

Wie hat sich die geäußert? 

Ich wurde auf der Straße beschimpft, musste mich immer wieder hinten anstellen, solche Dinge halt. Damit konnte ich nicht umgehen. Im Dorf hat jeder gewusst, wer wir sind, wo mein Vater arbeitet und so, da war „Integration“ kein Thema, weil wir ein Teil der Gemeinschaft waren.

Inwiefern war dir dann Vietnam fremd? Wann warst du das erste Mal dort? 

 Mit 15. Es war das konträre Gefühl zu dem, wie ich mich in Österreich gefühlt habe. Hier habe ich gesprochen und gedacht wie alle anderen, aber nicht so ausgeschaut. In Vietnam war es umgekehrt, ich hab zwar ausgeschaut wie alle anderen, aber ich habe anders gesprochen und anders gedacht. Diese Fremdheit war befremdlicher. Dieses vermeintliche Heimatgefühl, dass eh alle ausschauen wie ich, hat sich nicht eingestellt. Weil die halt andere Gedankengänge hatten, andere Sichtweisen.

Du hast gesagt, deine Eltern hätten ihre Vergangenheit kaum thematisiert. Inwiefern hat so etwas wie Familie, Familientradition, Herkunft dennoch eine Rolle bei euch zuhause gespielt? 

 Meine Eltern haben schon darauf geachtet haben, dass wir Kinder vietnamesisch sprechen können. Und unbewusst wurde schon klar, dass „Familie“ in der vietnamesischen Kultur einen höheren Stellenwert hat. In der Schule wurde mir vermittelt: Das Individuum zählt. Das, was du willst und zuhause wiederum konträr dazu gelernt, dass die Familie wichtig. Traditionen. Respekt vor den Alten und den Toten und so.

Die Flucht deines Vaters: Was waren die Gründe dafür? 

Die Flucht war geheim, es hat keinen offiziellen Aufruf dazu gegeben. Da haben sich halt einige zusammengetan und versucht ein Boot zu organisieren. Der essenzielle Grund für meinen Vater war einfach die Nachkriegssituation, keine Hoffnung zu haben. Ziellosigkeit. Wie überlebt man, wie findet man Arbeit, wie versorgt man sich, wie versorgt man eine Familie? Mein Vater hat Österreich gar nicht gekannt. Er wollte einfach nur weg. Man muss sich vorstellen, in was für einem Elend man leben muss, dass man sagt: „Ich riskiere es, irgendwo anders muss es besser sein. Wenn ich es schaffe übers Meer, und wenn ich nicht von Piraten überfallen werde, oder das Boot kentert, muss ich irgendwo ankommen, wo es besser ist.“
 

Hast du das Gefühl, dass ihm selber das auch jetzt erst langsam bewusst wird, was er da eigentlich für einen Schritt gesetzt hat? 

 Damals war er 20, er war jung und hat sich halt gedacht, er muss es woanders probieren, er hat sein Leben noch vor sich. Jetzt im Nachhinein sagt er oft zu mir, dass er jetzt erst realisiert, wie viel Zufall und Glück da im Spiel war. Damals hat man das halt so hingenommen, weil man vieles auch nicht gewusst hat, man hat nicht gewusst, dass Piraten auf einen warten am offenen Meer. Erst im Nachhinein hat man gehört, dass viele nicht angekommen, oder woanders hingebracht worden sind.

Wenn du eine Geschichte wie diese erzählst - wie würdest du das für dich definieren: Filme machen? Warum Dokumentarfilme machen? Was reizt dich an diesem Genre? 

Dinge kennen zu lernen, die ich selber nicht gewusst habe. Mich selber mit neuen Dingen beschäftigen zu müssen. Film hilft da, Barrieren zu überwinden.

Inwiefern hat das Instrumentarium Film geholfen, dass du mehr über deinen Vater erfährst und mehr aus ihm herausholst als in einem normalen familiären Gespräch?

Ich konnte gewissermaßen eine andere Rolle einnehmen. Als Filmemacher war ich ihm gegenüber in einer anderen Position. Mein Vater hat mit mir anders geredet, Geschichten anders erzählt.

Also quasi auf die Projektion ausgerichtet? 

Ja, auch weil ich anders gefragt habe. Weil ich ihm vielleicht auch mehr Platz gelassen habe in meinen Fragen, oder in meiner Neugierde, als wenn ich „nur“ als Sohn gekommen wäre. Ich war sicher neutraler. Mein Ausgangspunkt war ein anderer.

Was denkst du unterscheidet die Situation deiner Tochter von der deinen? 

Dass sie vielleicht irgendwann einmal schneller realisieren kann, was für ein Glück das war. Das hat bei mir gedauert.

Glück?

Das Glück, dieses Leben zu haben. Und das Wissen darüber, welche Opfer meine Eltern bringen mussten. Das hab ich eigentlich erst durch den Film, sehr spät, realisieren und wertschätzen können.

Hat sich diese verspätete Wertschätzung auch mit Konflikten in der Familie widergespiegelt? 

Na, jetzt zum Beispiel das Filmen, dieses Unsichere, was ist das überhaupt? Sie kennen das nicht. Dadurch, dass sie auch immer darauf bedacht waren Sicherheit zu schaffen, ein sicheres Auskommen zu schaffen - und jetzt will der Bub plötzlich filmen und woher kommt das Geld und wie macht man das? - solche Dinge sind halt Konfliktpotenzial pur. Wir haben uns so abgerackert, warum wirst du jetzt nicht Arzt oder Anwalt? Es war, als würde ich die Opfer, die sie gebracht haben, nicht wertschätzen. Und alles wieder aufs Spiel setzen.